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Was kann der Glaube und das Wirken der Zisterzienser uns Menschen von heute sagen?
Darauf gibt sicherlich viele Antworten je nach eigenem Glauben, Wertvorstellung, Weltanschauung,
und jeder muss letztlich seine eigene Antwort finden.
Protestantismus und Kloster, ist das überhaupt vereinbar?
Zunächst: Es gibt auch heute aktive Zisterzienser-Klöster, mit Mönchen und Nonnen.
Der Zisterzienser-Orden O.Cist. als Teil der Katholischen Kirche hat so manche Wandlung erfahren,
und 1892 hat sich der "Orden der Zisterzienser der Strengen Observanz" (O.C.S.O., auch "Trappisten"
genannt) als Reformorden abgespalten.

Evangelische Zisterzienser-Erben sind keine Zisterzienser.
Sie fühlen sich dem Erbe in Bewunderung verpflichtet, und sie möchten es bewahren,
aber es gibt keine evangelischen Mönche oder Nonnen.
Nach lutherischer Überzeugung
- kommt das Heil allein aus der Gnade Gottes,
- aus dem menschlichen Handeln kann kein Anspruch auf Heil erwachsen,
- auch nicht aus dem Eintritt in ein Kloster,
- nicht aus absolutem Gehorsam,
- und nicht aus der Unterwerfung unter ewig bindende Gelübde,
- die mit der Freiheit des Christenmenschen unvereinbar sind.
- Maßstab des Handelns ist allein der Glaube
  (christlicher Glaube beinhaltet die Verantwortung für den Mitmenschen)

Aus dieser Überzeugung folgte historisch zwangsläufig die Auflösung der Klöster in den evangelischen
Gebieten, aber Luther hatte dabei wohl nicht an die Zerstörung der Klöster (durch den Bauernkrieg) gedacht,
auch nicht an die Annexion des Klosterbesitzes durch die Fürsten.
Immerhin gab und gibt es aber hoch interessante kleine Variationen ...
Gibt es evangelische Klöster? Meint der Begriff die Gebäude oder die Gemeinschaft?

Im Kloster Loccum nahmen die Mönche den evangelischen Glauben an, blieben aber im Kloster.
Nachwuchs kam durch die Kandidaten, die sich auf den künftigen Pfarrdienst vorbereiteten, als eine Art "Mönche auf Zeit".
Die Regeln wurden entsprechend abgewandelt, die Zahl der Stundengebete von sieben auf drei verringert, um 1700 wurde vom Abt eine neue Klosterordnung erlassen.
Bis 1969 war den künftigen Pastoren das Heiraten verboten ...
Immer wieder wurde ein neuer Abt gewählt, die Kontinuität gewahrt. Das oberste Organ des Klosters ist der Konvent mit Abt und Prior und ausgewählten Geistlichen, er tritt mindestens
2 x im Jahr für je 3 Tage zusammen.
In räumlicher und geistiger Nähe gibt es die Evangelische Akademie Loccum, die sich in vielen
Veranstaltungen mit den Fragen unserer Zeit, auch zur Vergangenheit, beschäftigt.


Das Kloster Amelungsborn überlebte (ganz im Sinne Luthers) als Klosterschule bis 1810.
Seit 1960 gibt es wieder Abt, Prior und Konvent. Daneben gibt es eine Familiaritas mit etwa
30 ausgewählten Personen aus ganz Deutschland, die sich ohne ihre Angehörigen 11 x im Jahr
zu einem klösterlichen Leben auf Zeit versammeln.
Die 4 liturgischen Stundengebete (und Wechselgesänge) am Tag sind zu einer höchsten Form entwickelt und bilden das geistliche, spirituelle Rückgrat der Familiaritas. Dieses verbindende tiefe Erlebnis überträgt sich auf die Jahrestreffen unserer Gemeinschaft, eine beeindruckende evangelische Fortführung alter Zisterzienser-Tradition!


In Bad Doberan dominiert das strahlend schöne Münster, d.h. die ehemalige Klosterkirche. Daneben gibt es noch Reste der alten Klostergebäude, und es gibt wieder einen Konvent mit
12 Konventualen, Zusammenkünften und  Stundengebeten, ähnlich wie im Mutterkloster Amelungsborn!


Die evangelischen Damenstifte bilden ebenfalls Konvente mit Äbtissinnen und Konventualinnen, sie kommen durch ihr festes Zusammenleben mit Gebeten dem früheren Klosterleben am nächsten und haben in der Tradition der Nonnen besondere Aufgaben übernommen (Klosterführungen, Veranstaltungen, Ausstellungen).
Einige Stifte sind bewusst seit jeher ökumenisch, d.h. einige Plätze sind für katholische Damen vorgesehen.


Das Kloster Volkenroda war wohl am stärksten vom Bauernkrieg betroffen und bis in die DDR-Zeit weiter verfallen.
Die evangelische, ökumenisch offene Jesus-Bruderschaft mit unverheirateten Männern und Frauen und Familien hat sich (von Gnadenthal kommend) in Volkenroda niedergelassen und die Restaurierung des Klosters betrieben.
Hochchor und Ostflügel wurden durch eine architektonisch spannende Stahl-Glas-Konstruktion ergänzt.
Der Christus-Pavillon (ermöglicht durch das hohe Engagement der deutschen Stahlindustrie, beider Kirchen und weiterer Sponsoren) wurde nach Ende der Expo 2000 von Hannover  nach Volkenroda umgesetzt. So ist ein beeindruckendes geistliches Zentrum entstanden.
Einer historischen Spur folgend, als vor 840 Jahren von Volkenroda ein Abt und 12 Mönche in Loccum ein Kloster gründeten, nimmt heute der Abt von Loccum die Aufgabe der Visitation in Volkenroda wahr.
Seit dem Jahr 2000 gibt es einen Pilgerweg Volkenroda-Loccum.


Der berühmte Altenberger Dom wird heute von beiden Konfessionen genutzt. Neben Kloster Camp war Altenberg Mutterkloster fast aller norddeutschen Filiationen. Eine Bronzeplastik zeigt in Erweiterung des berühmten Traumes von Bernhard von Clairvaux, wie der gekreuzigte Christus den Hl.Bernhard und Martin Luther umarmt!
Martin Luther hat Bernhard von Clairvaux sehr geschätzt und sich mit seiner Theologie intensiv auseinandergesetzt.


Die erhaltenen zisterziensischen Klosterkirchen in evangelischen Gebieten sind heute meist Gemeindekirchen.
Das Bedürfnis, sich mit dieser Vergangenheit auch geistig auseinanderzusetzen, ist ein Grund für die stetig wachsende Zahl der Teilnehmer an den Jahrestreffen unserer Gemeinschaft.


Diese Beispiele sind mögliche Antworten auf das Spannungsverhältnis zwischen dem Klostergedanken und der Reformation. Sie belegen, dass es durchaus mögliche und interessante evangelische Formen der Fortführung zisterziensischer Traditionen gibt.
Natürlich wird auf den Jahrestreffen auch über das theologische Zisterzienser-Erbe reflektiert.
Diese Entwicklungen werden mit Erstaunen und großem Interesse von katholischer Seite verfolgt. Bei allen Unterschieden verbindet die gemeinsame zisterziensische Vergangenheit. Durch gegenseitige Einladungen und Teilnahme (als Gast) an den Feiern und Treffen findet eine fruchtbare Diskussion statt, die durchaus Anregungen liefern kann.


Die evangelische Kirche sieht sich nicht als neue, sondern als erneuerte, reformierte Kirche mit dem Ziel, der wahren Kirche wieder näher zu kommen. Luther hat
- das Mönchstum als besonderen Stand und als "Pforte zum Paradies" ausgehebelt
- die Regel "ora et labora" auf alle Christen ausgeweitet.
- Beten ist keinem Stand besonders zugeordnet,
- Arbeiten ist für ihn "Ausführung der göttlichen Berufung im Alltag",
- geistliche Tätigkeit ist ein Beruf im Dienst an der Welt wie andere Berufe auch.
Unter diesen Voraussetzungen hätte es wohl nie einen Zisterzienser-Orden gegeben,
also auch keine Klöster, kein zisterziensisches Erbe.



Somit bleibt für evangelische Christen das Spannungsverhältnis bestehen,
dass das Mönchstum in seiner mittelalterlichen Konzeption als Irrweg abgelehnt wird,
während die unbestreitbaren Leistungen und Werke der Zisterzienser für die Welt,
für die religiöse Gemeinschaft, für den christlichen Glauben, für die theologische Lehre
mit Ehrfurcht anerkannt und bewundert werden
und erhalten, vermittelt und in unsere Welt fortgeführt werden sollen.
Die vorstehenden Ausführungen orientieren sich an dem Aufsatz
"Theologisches und kirchliches Profil einer Erbengemeinschaft"
von Dr. Horst Hirschler, Landesbischof i.R., Abt von Loccum
in dem Buch
"Die Gemeinschaft Evang. Zisterzienser-Erben in Deutschland"
  Ihr Werden, ihre theologische und kirchliche Prägung
Das Buch ist nicht im Buchhandel erhältlich.
Wenn Sie an dem Buch interessiert sind, klicken Sie bitte   hier .
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